Kieler Nachrichten

"Ich hab nichts mehr!", bedauert Matthias Wilms und hebt Hände und Schultern mit ebenjenem Ausdruck, der auch in den vergangenen anderthalb Stunden so anschaulich zwischen persönlicher Authentizität und szenischem Gestus lag. Balladen? Balladen! war der Abend betitelt und lockte eine reiche Schar Interessierter, darunter auch ältere Herren vom altsprachlichen Fach, ins Haus. Wer den Rezitator schon damals während der Kunst am Grill in der Hansastraße 48 mit (Pop-)Literarischem und Satire rund um den Sommer bewundert hatte, tauchte diesmal ins Reich von Klassik und Romantik. Und Wilms ist wieder
wunderbar.

Steht fest verankert und doch biegsam vor seinem Lesepult, hebt die weißen Flügelärmel mal behutsam, mal pointiert, zerrt Verstaubtes aus Büchern und Köpfen, holt dramatisch aus ins Crescendo, wischt sich schwitzend über den feuchten Mund und wirft über den Andächtigen die lyrischen Netze aus: "...und Stille wie von Todesschweigen/liegt überm ganzen Hause schwer" – wenn Wilms sich an Schillers Schulstoff macht und bedrohlich die "Kraniche des Ibykus" beschwört oder mit Goethe wie ein väterlicher Schwärmer die "Qualen der Liebe" im ersten Kuss beschreibt, wo sich im errötenden Jungfrauengesichte "stellet auf die Blüte bald die Frucht sich ein", dann ist es wirklich totenstill.

Ein atemberaubender Abend im Zeichen von Naturgewalten, Heimsuchungen und Gesichten. Von Conrad Ferdinand Meyers wohlbekannten Füße im Feuer über Goethes oft parodiertem und hier famos interpretiertem Erlkönig bis zu Annette von Droste-Hülshoffs Knabe im Moor vermag Wilms unverbraucht zu illustrieren und steht bei leichterem Stoff wie Theodor Storms Bulemanns Haus oder Fontanes Birnbaum den Protagonisten als oft altklug-ironischer, immer aber liebevoll zugewandter Erzähler gegenüber.

Manch vergessene Bedeutung taucht da im Schulwissen auf, manch interpretatorische Entdeckung ist noch zu machen, und Wilms läuft in behände inszenierten Bildern zwischen kehligem Bariton und leisem Flüstern mit guter Phrasierung und niemals exzentrischer Pose nicht selten zum Schauspieler auf. Ganz hervorragend seine Interpretationen von Detlev von Liliencrons "Friesengewächs" Pidder Lüng mit dem legendären Ausruf "Lewer duad as slaw" und einer kabarettreifen Darbietung von Goethes Zauberlehrling. Kein Wunder, dass die Lust auf mehr die Beine lähmt. Wilms muss wiederkommen!

Almut BehL, Kieler Nachrichten

Svenja and the City

Eine Lesung von Matthias Wilms ist beeindruckend, intelligent und höchst unterhaltsam. Man muss es sich vorstellen, wie das Hörspiel zu einem Theaterstück, mit soviel Hingabe trägt der Rezitator vor. Matthias Wilms liest, er spricht, er flüstert, brüllt, stöhnt und schreit. Er trägt vor und ich bin begeistert. Dennoch, bei ihm wäre meine kleine Schwester niemals so schnell eingeschlafen, wie bei mir. Ätsch...

http://mysvenja.blogspot.com/2010/03/rezitator-matthias-willms.html

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Und das wie immer mit großem Zuspruch seitens des Publikums, das den Hansahof schon drängeleng bevölkert, als Rezitator Matthias Wilms auf der Rasenbühne den Balladenton des deutschen Schlagers entdeckt. Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?, fragte sich schon Librettist Robert Gilbert Im weißen Rößl. Wenn Wilms das mit großem Ernst fragt, ist das unbedingt komisch, ebenso wenn er zwei „Sommergedichte“ ankündigt, die zunächst nach großer Ballade klingen, sich dann aber als Peter Maffays Es war Sommer entpuppen - oder Jürgen Drews' Bett im Kornfeld, das bekanntlich „immer frei“ ist und so zur heimlichen Hymne des Abends im Hansahof wird.

http://www.kn-online.de/schleswig_holstein/kultur/98378_Balladen-Bier-und-Blutsbrueder.html